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Neobiota Neobiota

Neue Tier- und Pflanzenarten

Ein Tauchgang in unseren heimischen Gewässern ist in den letzten Jahren immer spannender geworden, weil man sich nicht mehr sicher sein kann, welche Tiere und Pflanzen vor der Taucherbrille erscheinen. Immer häufiger begegnen wir gebietsfremden (nicht -einheimischen) Arten, die eigentlich überhaupt nicht nach Deutschland gehören, zumindest bisher nicht gehört haben. So die kleinen Süßwasserquallen (Craspedacusta sowerbii), handgroße Kaulquappen des Ochsenfrosches (Rana catesbeiana) oder die Kanadische Wasserpest (Elodea canadensis) - die Rede ist von Neozoen und Neophyten. Aktuell treten auch riesige Schwärme von Schwebegarnelen in den oberen Wasserschichten in unseren Seen auf. Dabei handelt es sich meist um Tiere wie die Donau Schwebegarnele (Limnomysis benedeni), Rotflecken-Schwebegarnele (Hemimysis anomala) und Schwarzmeer-Schwebegarnele (Katamysis warpachowskyi).

Für diese oft ungebetenen "Gäste" werden die unterschiedlichsten Namen verwendet, wie Invader, Intruder, Invasoren, Aliens, Eindringlinge, Einwanderer, Fremdlinge, Eingeschleppte oder Eingeschleuste. Alle Bezeichnungen tragen eine gewisse Schärfe in sich. Dabei sind die neuen Arten doch eher Spielbälle der Globalisierung und werden absichtlich oder unabsichtlich von einem Ort zum anderen verschleppt. Besonders in unseren Flusssystemen und Seen finden wir eine ganze Reihe dieser "Neobiota", da hier die Verbreitung verhältnismäßig einfach funktioniert. Neben einer natürlichen Einwanderung, bei der Tiere zum Beispiel als Larven und Eier im Gefieder von Vögeln transportiert werden, gibt es eine ganze Reihe von Möglichkeiten der unbeabsichtigen Einführung durch den Menschen. Hierbei spielen Schiffe eine ganz besondere Rolle. Im so genannten Ballastwasser, das zur Stabilisierung von Schiffen verwendet wird, fährt eine Vielzahl an "blinden Passagieren" mit. Jährlich werden weit über 12 Milliarden Tonnen Ballastwasser, welches sowohl Süßwasser als auch Salzwasser enthält, mit Schiffen transportiert. Wird das Wasser im Hafen abgelassen, werden auch die darin transportierten Organismen, sofern sie den Transport überlebt haben, freigesetzt. Auf diese Weise werden nach Schätzungen täglich mehr als 4.000 Arten in einen anderen Lebensraum transportiert. Für viele Arten ist die neue Umwelt so fremd, dass sie dort nur eine kurze Zeit überleben können. Für andere hingegen kann es ein wahres "Schlaraffenland" sein, weil es ausreichend Nahrung gibt und natürliche Feinde fehlen.

Eines der bekanntesten Beipsiele ist die Wandermuschel (Dreissena polymorpha), auch als Zebra- und Dreikantmuschel bezeichnet. Noch 1960 war sie im Bodensee völlig unbekannt. Ungefähr 40 Jahre später ist sie heute die am häufigsten vorkommende Muschel, und das nicht nur im Bodensee. Die erfolgreiche Verbreitung von Dreissena lässt sich aber noch viel weiter bis in die Anfänge des 19. Jahrhunderts zurückverfolgen. Ihre Heimat sind die Zuflüsse des Schwarzen und des Kaspischen Meeres. Von dort wurde sie wohl als "blinder Passagier" durch Schiffe verschleppt. Im Gegensatz zu den meisten anderen Muschelarten kann sie sich wie die Miesmuschel mit Byssusfäden an einen Untergrund heften. Gerade diese Eigenschaft macht sie so erfolgreich. Ob es ein Schiffsrumpf oder ein Kiesel in starker Strömung ist - fast jedes künstliche oder natürliche Substrat kann sie besiedeln. Nicht zuletzt hat sich deshalb auch die Industrie den "Klebstoff" näher angeschaut und beschäftigt sich mit der synthetischen Herstellung. Ihre Larven sind zudem freilebend und können so leicht durch Verdriftung neue Lebensräume erschließen (zum Teil mit Hilfe von Wasservögeln in deren Gefieder). In den Großen Seen von Nordamerika ist Dreissena zu einem wahrhaft teuren Problem geworden. Bis zu 100.000 Exemplare wurden auf einem Quadratmeter gezählt und der jährliche Schaden durch verstopfte Wasserleitungen wird mit mehreren Milliarden US-Dollar beziffert. Am Bodensee blieb jedoch die erwartete Katastrophe aus, da Reiherenten, Tafelenten und Blässhühner die kleinen Muscheln als Nahrung entdeckten.

Bei der Wollhandkrabbe (Eriocheir sinensis) gestaltet sich die Situation etwas anders, die um 1900 ihre Reise im Ballastwasser von Schiffen von China aus nach Deutschland antrat. Während die Larven im Meer leben, wandern die Erwachsenen weit in unsere Flüsse hinein und können dabei bis zu 30 Kilometer am Tag zurücklegen. Auf ihrem Weg fressen sie alles, was vor ihre Scheren kommt. Daher sind sie große Nahrungskonkurrenten von Fischen, die oft auch selbst zum Opfer der Krabben werden. Bei gelegentlich auftretenden Massenvorkommen werden Uferböschungen und Dämme durch ihre Grabungsaktivität erheblich geschädigt und die entstehenden Kosten sind enorm. Nach Angaben des Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrographie hat die Chinesische Wollhandkrabbe in deutschen Gewässern geschätzte 73,5 bis 85 Millionen Euro wirtschaftliche Kosten verursacht.

Andere "Neobiota" hatten es da sogar noch einfacher nach Deutschland zu kommen. Sie wurden bzw. werden oftmals gezielt von Menschen gezüchtet und dann ausgesetzt. Sei es, weil sie sich als Nutztiere eignen oder einfach, weil sich niemand gefunden hat, der das Terrarium über die Urlaubszeit versorgen kann und daher die Bewohner in die vermeintliche "Freiheit" entlässt. Der Ochsenfrosch (Rana catesbeiana) verdankt sein Vorkommen der Zucht durch den Menschen. Dieser bis zu 20 cm große Frosch wurde jahrelang für Terrarien und Gartenteiche im Zoohandel angeboten. In die Natur entwichene Exemplare konnten sich unter guten Bedingungen schnell vermehren. Ein Ochsenfroschgelege besteht immerhin aus bis zu 20.000 Eiern und die schnellwachsenden Kaulquappen, die bis zu 15 cm lang werden, sind für viele heimische Kleinräuber zu groß. Die heranwachsenden Ochsenfrösche sind besonders wegen ihrer Gefräßigkeit bekannt. Zu ihrer Nahrung gehören Insekten, Schnecken, kleine Fische und in selteneren Fällen auch mal kleine Säugetiere. Besonders gefährdet sind andere Amphibien, die ohnehin bedroht sind. Für sie stellen Ochsenfrösche eine nicht zu unterschätzende Gefahr da. Hier haben wir es mit einer invasiven Tierart zu tun, deren Folgen noch nicht absehbar sind.

Diese wenigen Beispiele zeigen, wie unterschiedlich sich "Neozoen" verhalten können. Die einen etablieren sich über mehrere Generationen und werden quasi "heimisch". Andere hingegen treten nur gelegentlich und verstreut auf, weil die äußeren Bedingungen nicht stimmen. Dann gibt es noch die invasiven Arten, die sowohl nachhaltige als auch keine Schäden verursachen. Bislang sind in Deutschland 264 "Neozoen" etabliert, 443 Arten noch nicht etabliert und 442 haben einen fraglichen Status (Stand 2003).


NEOBIOTA - Das Projekt

Das Projekt "Neobiota" wurde 2005 vom Verband Deutscher Sporttaucher e.V. (VDST) mit Unterstützung des Bundesamtes für Naturschutz (BfN) gestartet. Im Mittelpunkt stehen Tier- und Pflanzenarten, die in unseren Tauchgewässern vorkommen können. Um diese "Neobiota" auch unter Wasser zu erkennen, wurden Steckbriefe mit den wichtigsten Informationen erstellt. Durch neue Rückmeldungen von Sporttauchern können aktuelle Verbreitungskarten erstellt werden. Mit dieser Aktion möchte der VDST gemeinsam mit Tauchern Hinweise auf die Verbreitung dieser Neozoen und Neophyten sammeln. Ausführliche Informationen und Meldeformulare stehen unter www.neobiota.info bereit.


"Neobiota" und die Entdeckung Amerikas

Im Jahre 1492 entdeckte Christopher Kolumbus Amerika und damit begann das Kolonialzeitalter mit einem regen Austausch von Handelswaren. Seit dieser Zeit fand eine rasant wachsende Vernetzung der Kontinente untereinander statt und mit ihr auch ein beabsichtigter oder unbeabsichtigter Austausch von Tier- und Pflanzenarten. Nicht-einheimische Tiere und Pflanzen, also gebietsfremde Arten, die vor 1492 im Zuge von Ackerbau und Viehzucht bei uns angesiedelt wurden, werden als "Archäobiota" ("Alt-Lebewesen"), Organismen die nach 1492 eingeführt wurden, als "Neobiota" ("Neu-Lebewesen") bezeichnet. Bei den "Neobiota" muss zusätzlich unterschieden werden zwischen Tieren und Pflanzen, die ökologische Schäden verursachen (invasive Arten) und solchen, die keine Schäden (nicht-invasive Arten) anrichten. Handelt es sich bei den "Neobiota" um Pflanzen, werden diese als "Neophyten" bezeichnet; ein Begriff, den schon Aristoteles für aus Ägypten bezogene Papyruspflanzen benutzte. In Anlehnung daran wurde 1972 der Begriff "Neozoen" für nicht-einheimische Tiere eingeführt.

ros

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